Öffentliche Zugehörigkeit aus der Perspektive junger Frauen
Dies ist der erste Artikel einer Serie, die verschiedene Perspektiven auf das Thema öffentliche Zugehörigkeit erkundet. Bei Vestre haben wir aus erster Hand erlebt, wie Zugehörigkeit das Fundament lebendiger Städte und Gesellschaften bildet – und wie schnell dieses Gefühl schwindet, wenn der öffentliche Raum nicht von allen als gleich sicher wahrgenommen wird. In dieser Serie untersuchen wir, was Zugehörigkeit im öffentlichen Raum schafft – und welche Impulse daraus für Stadtplaner und Landschaftsarchitekten entstehen, die bessere Städte gestalten wollen. Wir beginnen mit jungen Frauen. Für viele junge Frauen und Mädchen – besonders jene mit Migrations- oder Minderheitshintergrund – fühlen sich öffentliche Räume oft abweisend, unsicher und nicht für sie gestaltet. Die Art, wie sich junge Frauen durch den öffentlichen Raum bewegen, verrät etwas Grundlegendes darüber, wie einladend unsere Städte wirklich sind.

Im vergangenen Jahr hat Alexandra Raven in einem Forschungsprojekt die Erfahrungen junger Frauen im öffentlichen Raum untersucht – durch eine Reihe von Interviews, partizipativen Workshops und Feldbeobachtungen in Norwegen, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Australien und den Vereinigten Staaten. Die Arbeit brachte 23 Workshop-Teilnehmerinnen aus 11 Ländern an der RMIT University in Melbourne zusammen. Darüber hinaus wurden eingehende Gespräche mit Fachleuten, Architekten und jungen Frauen geführt, die öffentliche Räume in ihrem Alltag nutzen.
Im Kern stellt die Forschung die Frage: Wann fühlt sich eine junge Frau in einer Stadt sicher? Die Teilnehmerinnen verwiesen auf den Mangel an sogenannten „dritten Orten" – Orte, an denen man sich treffen und austauschen kann, ohne Geld auszugeben. Die Antworten zeigen, dass Sicherheit durch Wahrnehmung, kulturellen Kontext, Designsprache und die subtilen Signale geprägt wird, die unsere gebaute Umgebung darüber aussendet, wer an diesen dritten Orten dazugehört.
Die Lücke zwischen formaler Sicherheit und gelebter Erfahrung
In vielen der untersuchten Orte waren die Kriminalitätsraten niedrig – auf dem Papier also sicher. Dennoch zeigten die Interviews durchgängig eine Lücke zwischen offiziellen Sicherheitsdaten und dem, was die Frauen dort tatsächlich erlebten. Dennoch zeigten die Interviews durchgängig eine Lücke zwischen den formalen Sicherheitsmaßstäben und dem, wie diese Räume tatsächlich erlebt werden.
Viele Teilnehmerinnen beschrieben, wie sie ständig auf Belästigungen achten müssen – kleine, aber wiederkehrende Formen geschlechtsspezifischer und rassistischer Übergriffe, die ihren Alltag in der Stadt prägen. Sicherheit ist ein ständiger Begleiter: Welchen Weg nehme ich? Wann gehe ich? Mit wem bin ich unterwegs? Die Landschaftsarchitektin Romy Rawlings, Mitglied der Organisation Make Space for Girls, erklärt dazu:
„Ob ein Ort tatsächlich gefährlich ist, ist zweitrangig. Wenn Frauen sich dort unsicher fühlen, ist das Realität genug.“
Wahrnehmung wird in diesem Zusammenhang ebenso prägend wie die Realität.

Das Verschwinden der dritten Orte
Neben Sicherheitsbedenken beschrieben viele Teilnehmerinnen einen umfassenderen kulturellen Wandel in der Natur des öffentlichen Lebens. Freie Begegnungsräume wurden nach und nach durch kommerzielle Umgebungen ersetzt. Haley Justine-Grønvold Perkins, die in Kalifornien aufgewachsen ist, erinnerte sich an Einkaufszentren als ungezwungene soziale Begegnungsorte – wenngleich diese an Konsum geknüpft waren. Mangels Alternativen trafen sie und ihre Freundinnen sich dort oder in Autos. Heute, so stellt sie fest, haben sich diese Räume weitgehend ins Internet verlagert oder sind stärker kommerzialisiert worden.
„Die Welt wird so funktional, dass sie ihre Seele opfert… Opfere nicht die Schönheit, Spiritualität, den Charme und die Seele.“
Der Wunsch nach Umgebungen, die Ruhe, Reflexion und soziale Verbindung fördern – anstatt Konsum – zog sich durchgängig durch die Interviews und Workshops des Projekts. Die Teilnehmerinnen beschreiben ihre Lieblingsorte oft als solche, die durch ihre Gestaltung das Gefühl vermitteln, wahrgenommen und umsorgt zu werden.

Sichtbarkeit, Kontrolle und räumliches Wohlbefinden
Die Wahrnehmung von Sicherheit wird durch Gestaltung geprägt – die physischen Eigenschaften eines Raumes spielen eine entscheidende Rolle dafür, wie er erlebt wird. Viele junge Frauen beschreiben, dass sie sich an Orten wohler fühlen, wo sie freie Sichtlinien und einen Überblick über die Zugangswege haben. Gleichzeitig wirkt Offenheit allein nicht zwangsläufig einladend. Vollständige Exponierung kann sich unangenehm anfühlen und unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Stattdessen äußerten die Teilnehmerinnen häufig eine Vorliebe für Umgebungen, die teilweise Schutz oder Abgrenzung boten – Räume, in denen man am öffentlichen Leben teilhaben kann und sich dennoch geschützt fühlt.
Die Architektin und Pädagogin Kuljeet Sibia, Gründerin von Diverse Dialogues, beschrieb, wie diese räumlichen Dynamiken in ihrer Arbeit mit Teenager-Mädchen sichtbar werden:
„Erhöhte Sitzmöglichkeiten geben vielen ein größeres Sicherheitsgefühl. Man behält den Überblick und fühlt sich weniger exponiert.”
Diese räumlichen Nuancen zeigen, wie scheinbar kleine gestalterische Details das emotionale Erleben beeinflussen können.

Raum für alle Bedürfnisse
Flexibilität zog sich als roter Faden durch alle Interviews, Beobachtungen und Workshops. Öffentliche Räume werden von den unterschiedlichsten Menschen genutzt – und junge Frauen bringen dabei eine große Vielfalt an Erfahrungen und Bedürfnissen mit. Oft sind sie nicht allein unterwegs, sondern mit Freundinnen oder der Familie. Orte, die verschiedene Generationen ansprechen, unterschiedliche Sitzmöglichkeiten bieten und verschiedene Höhenniveaus berücksichtigen, wurden durchweg als einladender empfunden. In einem Bodystorming-Workshop mit Studierenden der RMIT-University in Melbourne zeigte sich immer wieder dasselbe Bild: Ideale dritte Orte verbinden Natur, Sichtbarkeit und flexible Bereiche für soziale Begegnung. Die Teilnehmerinnen träumten von Orten zum Entspannen, zum Zusammensein oder zum Rückzug – nicht von Räumen, die eine einzige Nutzungsweise vorschreiben. Beobachtungen in Parks bestätigten dieses Bild. Wer allein war, zog sich in schattige oder erhöhte Ecken zurück. Kleine Gruppen hingegen suchten kreisförmige oder halbgeschlossene Sitzanordnungen, die Nähe und Austausch ermöglichen.

Die kulturelle Sprache des Designs
Gestaltungselemente, die neutral erscheinen mögen, tragen oft subtile kulturelle Bedeutungen. Die Innenarchitektin und Möbeldesignerin Maisam Mahdi, die über Projekte in Skandinavien und dem Nahen Osten zurückblickt, beschrieb, wie Materialien, Muster und räumliche Ausrichtung beeinflussen können, ob sich Menschen an einem Ort wohlfühlen. Während skandinavische Schlichtheit weithin bewundert wird, stellte sie fest, dass extrem klare oder strenge Umgebungen für Menschen aus anderen kulturellen Hintergründen mitunter steril wirken können.
Mahdi hob auch hervor, wie Details in Materialien und Design den alltäglichen Komfort beeinflussen können. Kalte Oberflächen etwa können dazu führen, dass Frauen einen Ort meiden. Wärmere Materialien und runde Formen können einen Raum zugänglicher und angenehmer machen. Selbst die Ausrichtung von Sitzgelegenheiten spielt eine Rolle. In manchen Kulturen gilt es als respektlos, jemandem direkt den Rücken zuzuwenden. Kulturelles Bewusstsein und sinnliche Erfahrung sind mit jeder Gestaltungsentscheidung verbunden. Die Forschung unterstreicht die Bedeutung einer durchdachten Berücksichtigung vielfältiger und sich überschneidender Bedürfnisse.

Repräsentation im Gestaltungsprozess
Alle Beteiligten waren sich einig: Die Menschen, für die ein Raum gestaltet wird, müssen in diesen Prozess einbezogen werden. Die Architektin und Jugendbeteiligungsstrategin Julia King betonte, dass es weit mehr Zeit und Vertrauen braucht, als oft angenommen wird, um junge Menschen wirklich einzubeziehen:
„Sie sollten auf allen Ebenen einbezogen werden – vom Design bis zur Politik."

King wies auch darauf hin, dass junge Frauen mit Minderheitshintergrund oft aufgefordert werden, sich Räume vorzustellen, in denen sie sich historisch nie willkommen gefühlt haben. Selbstvertrauen und ein Gefühl für den eigenen Platz im öffentlichen Raum zu entwickeln, kann daher Teil des Prozesses selbst sein – und so zur Entstehung dritter Orte beitragen, die junge Frauen einladen und ihnen das Gefühl geben, dazuzugehören. King betont, dass echte Teilhabe sowohl Lernen als auch Loslassen erfordert – jungen Menschen zu helfen zu verstehen, dass der öffentliche Raum ihnen gehört und sie das Recht haben, ihn mitzugestalten.
Öffentlicher Raum als gemeinsames kulturelles Projekt
Gestaltungselemente und physische Eingriffe allein können tieferliegende gesellschaftliche Probleme wie Fremdenfeindlichkeit, geschlechtsspezifische Gewalt oder soziale Ausgrenzung nicht lösen. Und dennoch: Die Orte, an denen das öffentliche Leben stattfindet, prägen, wie Menschen einander begegnen. Ob ein Park, ein Platz oder eine einfache Bank – jedes Detail entscheidet darüber, ob ein Ort einladend oder abweisend wirkt.
Öffentlicher Raum ist niemals neutral. Durch Materialien, Sichtbarkeit, Komfort und ausgestrahlte Geborgenheit signalisiert er kontinuierlich, wer dazugehört und wer nicht. Wer Orte für alle schaffen will, muss mit jenen zusammenarbeiten, die sie täglich erleben. Städte, die für junge Frauen da sind, sind für alle da.
Verfasst von: Alexandra M. L. Raven